Erkenntnisse
Schön, dass man sich wieder an solche elementaren Bedürfnisse erinnert!
Tagesanzeiger
Dienstag 19. Juli 2011 | 10:18 Uhr
Home Blogs Mamablog
Das Natur-Defizit-Syndrom
Von Michèle Binswanger am 19 .7. 2011
In der Natur finden die Kinder ein seelisches
Gegenüber.
Für die Generation heutiger Eltern gehören
Naturerfahrungen – der Geruch nasser Erde, das
Kratzen von frischem Heu, das Geräusch von
brechendem Eis in Pfützen – zu den intensivsten
Kindheitserinnerungen. Ironischerweise aber hält
gerade diese Generation ihre Kinder immer mehr
davon ab, Ähnliches zu erleben. Früher schickte man
Kinder zum Spielen nach draussen, heute fährt man
sie in die Klavierstunde, ins Fussballtraining, zu
Freunden, oder man stellt sie mit dem Fernseher
ruhig. Das passiert übrigens auf dem Land fast
genauso häufig wie in der Stadt. Ab und an ringt man
dem Korsett des familiären Terminplans einen
Nachmittag für einen Ausflug aufs Land ab, damit die
Kinder ein bisschen ins Grüne kommen.
Es ist irgendwie banal festzuhalten, dass der Mensch
die Natur braucht. Nicht nur als Rohstofflieferantin,
sondern als Gegenüber. In jüngster Vergangenheit ist
eine ganze Flut von Forschungsarbeiten und
Publikationen erschienen, welche die Binsenweisheit
mit wissenschaftlichen Mitteln belegen. Und davor
warnen, dass der industrialisierte Mensch sich von
seinen natürlichen Wurzeln entfremdet. Das Gefühl
der Zugehörigkeit zu einer belebten Welt sei für die
seelische Entwicklung unverzichtbar, denn «so wie der
Mensch von den Körpern der Tiere und Pflanzen als
Nahrung abhängt, so benötigt er ihre Gegenwart zu
seiner emotionalen und kognitiven Entfaltung», sagt
etwa der Biologe und Naturphilosoph Andreas Weber
in seinem neuen Buch «Mehr Matsch». In der Natur
finden Kinder ein Gegenüber, das nicht auf sie bezogen
ist, von dem sie aber dennoch Teil sind.
Nur haben Kinder weltweit immer weniger
Gelegenheit, dieses Gegenüber zu erfahren. Der
prominenteste Warner vor einer neuen
Naturvergessenheit ist der amerikanische Autor
Richard Louv. In seinem 2005 erschienenen und
diesen Herbst auch auf Deutsch erscheinenden Buch
«Last Child in the Woods» stellt er die These auf, dass
Störungen wie Depressionen, Angst- und Essstörungen
unter Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren
deshalb so sprunghaft zugenommen haben, weil sie
immer weniger in Kontakt mit der Natur kommen.
ADHS, an dem inzwischen jedes fünfte deutsche Kind
leidet, müsste eigentlich Natur-Defizit-Störung heissen,
so Louv.
Das scheint einleuchtend. Schliesslich entwickeln auch
im Zoo eingesperrte Tiere Verhaltensauffälligkeiten.
Aber ist es wirklich die Natur, die unseren Kindern
fehlt? Die Vorstellung, dass allein der Aufenthalt in der
Natur Kinder zu besseren, gesünderen und
glücklicheren Menschen macht, hält der
Kinderpsychologe und Familientherapeut Raimondo
Lettieri für übertrieben. Das Problem sieht er eher
darin, dass heutige Eltern sich wie die Eventmanager
ihrer Kinder aufführten. Man verplant ihre ganze
Freizeit, überwacht jeden ihrer Schritte, ist in
ständiger Sorge, sie könnten sich beim Spielen
verletzen, von einem Baum fallen, im Verkehr zu
Schaden kommen oder einem Sexualverbrecher in die
Hände fallen. So halten sich die Kinder zwar wohl im
Grünen auf, im Park oder auf dem Fussballplatz, aber
sie kommen nicht dazu, auf eigene Faust etwas zu
unternehmen.
Wenn die Verhaltensauffälligkeiten daher rühren, dass
die Kinder eingesperrt sind wie im Zoo, dann sind es
nicht die fehlenden Bäume, die sie krank machen,
sondern die fehlende Freiheit. Die fehlende Wildnis.
Es sind die hyperfürsorglichen Eltern, die den
Erfahrungshorizont der Jungen zubetonieren.